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Medizin-News

Aus dem Stern-Magazin Wissenschaft für Sie gelesen:

Nobel-Kur für den Knorpel

Es werden teure Therapien fürs KNIE vermarktet – dabei geht es auch billiger und ambulant beim Orthopäden

Sie könne sich „wieder bewegen wie eine Junge“, sagt Annemarie Wendl, die in der ZDF-Serie „Lindenstraße“ die Giftspritze Else Kling spielt. „Auch meine Haut ist wieder glatt geworden. Ich kann jedem nur empfehlen eine Aslan-Kur zu machen“.

Klingt wie ein billiger Werbespot, wurde aber im ZDF-Magazin „Gesundheit“ gesendet. Thema: „Neue Gelenkschmiere“. Fernsehdoktor Günter Gerhardt pries gemeinsam mit der prominenten Greisin die Vorzüge einer Gelenkbehandlung, die private Aslan-Institute im Rahmen teurer Kuren anbieten. Drei Wochen Ersttherapie kosten 2890 Mark – Unterkunft und Verpflegung extra. Bei der Sendung mit im ZDF-Studio: Achim Groß, Direktor der Aslan-Holding, jenes Unternehmens, das für die „neu entwickelte Aslan-Therapie gegen Gelenkerkrankung wirbt. Angeblich sei die Methode ein Resultat eigener Forschung, neu und exklusiv. Annemarie Wendl strahlt in die Kamera: “Die Spritzen sind etwas ganz Besonderes. Sie werden für jeden einzeln zubereitet.“

Was der Fernsehzuschauer nicht ahnte: Die vermeintliche Exklusiv-Behandlung ist seine Methode, die es seit mehr als 20 Jahren gibt. „Jeder niedergelassene Orthopäde kann diese Mittel spritzen,“ sagt Fritz Uwe Niethard, Professor an der Orthopädischen Universitätsklinik Aachen, der regelmäßig Injektionen gegen Arthrose verabreicht.

Wenn der Knorpel im Knie abgenutzt ist, wird nicht mehr genug Gelenkflüssigkeit produziert. Ohne dieses natürliche Schmiermittel, das hauptsächlich aus Hyaluronsäure besteht, reiben die Knochen gegeneinander. Spritzen mit dem Gleitmittel können zwar fehlenden Knorpel nicht ersetzen, doch lindern sie die Reibungsschmerzen.

Entdeckt wurde das Mittel bei der Behandlung von Rennpferden. Teure Traber wurden mit einer Injektion der zähen klaren Substanz in die überlasteten Gelenke wieder fit fürs nächste Rennen gespritzt. „Mitte der achtziger Jahre haben wir dann eine erste Studie mit Menschen gemacht“, sagt Gelenkspezialist Niethard. 1989 wurde Hyaluronsäure in Deutschland als Arzneimittel zugelassen. Markenname: Hyalart, ein Bayer-Präparat, das aus Hahnenkämmen hergestellt wird. Eine Spritze kostet 97 Mark, fünf Stück für eine Kur schlagen mit 460 Mark zu Buch. „Die Kosten werden sogar von der Kasse übernommen“, so Niethard. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass der Arzt mit der Verschreibung des Medikaments nicht sein Budget überzieht – andernfalls verabreiche er selbst die neue Gelenkschmiere nur auf Privatrezept, und der Patient zahle.

In den Kurhäusern der Aslan-Holding wird Ostenil verwendet, eine gentechnisch hergestellte Hyaluronsäure, die der menschlichen Gelenkschmiere ähnlicher ist und dadurch besser verträglich sein soll. „Dafür gibt es allerdings keine Belege. Vergleichende Studien zu den beiden Präparaten existieren nicht“, sagt Niethard. „Mittlerweile sind mehrere Präparate mit Gentech-Hyaluronsäure auf dem Markt. Da sie jedoch nicht als Arzneimittel zugelassen sind, ist nicht genau bekannt, wie sie wirken. Sie gelten als Heilmittel und unterliegen dadurch anderen Vorschriften.“

Ganz anders sieht das  Achim Groß von der Aslan-Holding: „Wir haben bessere Erfolge als niedergelassene Ärzte. Bei dem Präparat aus Hahnenkämmen kommt es zu Abstoßungsreaktionen und Allergien, die das Gelenk entzünden.“ Außerdem könne es beim Orthopäden passieren, dass die Schmiere in ein noch leicht entzündetes Knie gespritzt werde. Dort würde die Substanz schnell abgebaut und nütze dann nichts. Im Rahmen der Aslan-Kuren werde vorher ein entzündungshemmendes Schmerzmittel ins Gelenk gegeben, das den angegriffenen Knorpel beruhige. „So eine Kur ist mehr als nur die Knorpelbehandlung“, sagt Fernsehdoktor Günter Gerhardt. „Insofern ist die Kur vielleicht effektiver als die Behandlung beim Orthopäden.“

„Hyaluronsäure ist weder neu noch ein Wundermittel, aber sie lindert den Schmerz“, sagt Vesna Nicuta. Die Allgemeinmedizinerin, Psychotherapeutin und Anästhesistin aus Olsberg im Hochsauerland verließ die Aslan-Gesellschaft wegen deren Vermarktungspraxis. „Die Aslan-Holding betreibt das Geschäft wie Kaufleute“, sagt die Ärztin. „Es ist nicht gut, wenn man Medizin so vermarktet“. So wirke die Sache unseriös, beispielsweise werde für Berufstätige die „Aslan-Aktivwoche“ für 1990 Mark angeboten, obwohl die Behandlung nur dann wirksam sei, wenn die Spritzen wie vom niedergelassenen Orthopäden auch über mindestens zwei, besser drei Wochen verteilt gegeben würden. Warum das ZDF sich auf so ein Loblied einlasse, sei selbst ihr als erfahrener Aslan-Ärztin unverständlich. „Die Sendung wirkte auf mich wie Reklame.“
Das Vertrauen der Zuschauer in einen öffentlich-rechtlichen Fernsehdoktor könnte böse Folgen haben. „Wer Arthrose hat, gehört in erfahrene Hände“, sagt Niethard. „Ein Orthopäde sollte falsche Belastungen der Gelenke beurteilen und sicherstellen, ob eine vorsorgliche Operation den Knorpel im Gelenk nicht noch retten kann. diese Chance wird oft verpasst.“












 




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